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Ein Film des Grauens – aber von großer Bedeutung und Brillanz

Die „Wannseekonferenz“ neuverfilmt – im ZDF

TITELFOTO: ZDF/Mathias Bothor

Offiziell war es die Einladung zu einer „Besprechung mit anschließendem Frühstück“. Am Ende des 90minütigen Gesprächs stand der Tod von Millionen Menschen fest. Fast auf den Tag genau vor 80 Jahren, am 20. Januar 1942, folgten 14 ranghohe Nazi-Offiziere der Einladung des Obergruppenführers Reinhard Heydrich. Anlass des Treffens: die Lösung des sogenannten „Judenproblems“. Regisseur Matti Geschoneck hat sich an den heiklen Stoff gewagt und eine Neuverfilmung geschaffen, die ein dunkles Kunstwerk ist und dabei messerscharf ins Innere der Zuschauer trifft.

Das nationalsozialistische Deutschland hatte sich das Ziel gesetzt, sämtliche Juden Europas zu vernichten. Damit stand der Tod schon fest. Klar war aber noch nicht der Weg dahin. Immerhin handelte es sich um 11 Millionen Menschen, die es zu organisieren galt. Am 20. Januar 1942 lädt der Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich zu einer Frühstücksbesprechung; das Problem soll gelöst werden – endgültig.

Matti Geschoneck, dessen Vater selbst das KZ überlebte und zeitlebens davon geprägt blieb, wagte Ende 2020 eine Neuverfilmung zum Stoff der Wannseekonferenz.
Geschonecks Bilder sind klare, unverzerrte. Seine Abhandlung ist genauso konzentriert und geordnet. Sprache und Mimik sind kühl und eindeutig. An der Wannseetafel sitzen 15 Nazis von Rang und Namen, die ein Problem zu lösen haben. Es geht um Für und Wider. Es wird vorgeschlagen, abgegrenzt und um Kompetenzen diskutiert. Ganz wie in heutigen Managementsitzungen wird verhandelt – meist sachlich; außer wenn zu nah an den Karrierekarren gefahren wird. Ansonsten wird Empathie außen vorgelassen. Selbst als Stuckart sich zu Wort meldet und widerspricht, stellt sich im Lauf seiner Rede heraus, dass es auch ihm nur darum geht, das Gesetz einzuhalten – nicht aber darum, Menschleben zu retten. Der Judentransport als Projekt.



Am 20. Januar 1942 treffen 15 ranghohe Nazis aufeinander, um sich zu besprechen. Die Endlösung ist das Thema. Matti Geschoneck wagt in seiner Neuverfilmung einen ruhigen Ansatz. Das macht die Vertreter aus Ministerien und Regierung nicht minder monströs.

Das traurigste Kapitel der Menschheitsgeschichte neu verfilmt:
mit einem klirrend ruhigen Ansatz und großer Akkuratesse, die aufwühlt


Anders als aus bisherigem Film- und Dokumaterial bekannt lässt Geschoneck seine Protagonisten ruhig und unaufgeregt agieren – in diesem Film wird nicht rasend geschrien und cholerisch gefuchtelt. Die Töter scheinen fast zu greifbaren Menschen zu werden. Das eiskalte Spiel besticht also durch Weglassen und Wissen. Präzision und Aufgeräumtheit beherrschen den Film. Diese Akkuratesse ist es, die prägend ist. Genauso wie die Zeit, die sich der Film lässt, um exakt abzuhandeln und kleinste Details, wie ein minimales Zucken oder eine Reihe säuberlich geordneter Bleistifte, einzufangen. So entsteht eine klirrende Ruhe, die schneidend ist. Und der Zuschauer wird zum Beobachter, den die Messerspitze tief trifft.



Fabian Busch als Gerhard Klopfer und Thomas Loibl als Friedrich Wilhelm Kritzinger.

Mit großartiger Spielleistung überzeugen u.a. die Darsteller Philipp Hochmair, Fabian Busch, Thomas Loibl, Godehard Giese, Simon Schwarz, Matthias Bundschuh, Arnd Klawitter, Johannes Altmayer. Zugleich ist erkennbar, dass ein ganzes Ensemble dazugehört, solch einen fesselnden Streifen entstehen zu lassen. Auch Kameraführung und Schnitt wie Licht, Ausstattung und Kostüm tragen dazu bei, eine tragische Wahrheit auf künstlerisch hohem Niveau abzulichten. Qualität und Tiefe finden sich in feinsinnigen Bildern und klaren Dialogen. Die neue „Wannseekonferenz“ kann als Meisterwerk bezeichnet werden – auch wenn es das dunkelste Kapitel der Menschheitsgeschichte beleuchtet.

Gedreht wurde nach dem Einakterprinzip, das heißt, dass die Filmlänge der tatsächlichen Dauer des nacherzählten Geschehens entspricht: 90 Minuten Gespräch bei Kaffee und Lachsbrötchen – und das alles an einem Tisch in einem Raum.  Die Handlung basiert vorrangig auf den Protokollmitschriften von Adolf Eichinger, der als Sekretär der Konferenz beiwohnte.

Die Wannseekonferenz, die die schrecklichsten Gräueltaten der Menschheit in die Wege leitete, jährte sich vergangene Woche zum 80. Mal. Das ZDF strahlt die „Wannseekonferenz“ von Geschoneck am Montag, 24. Januar 2022, 20.15 Uhr aus. Der Film ist auch über die Mediathek abrufbar.


PHILIPP HOCHMAIR ÜBER DIE DREHARBEITEN ZUR „WANNSEEKONFERENZ“




Der Gastgeber der Wannseekonferenz Reinhard Heydrich (Philipp Hochmair) will eine Lösung.

Philipp Hochmair spielt Reinhard Heydrich, den Chef des Reichssicherheitshauptamtes. Er ist derjenige, der zur Besprechung lädt, um den Massentransport logistisch zu steuern und damit das sogenannte“ Judenproblem“ einer Endlösung zuzuführen.

Im Interview mit Gabrielle Pinkert:

Sie spielen Reinhard Heydrich – denjenigen, der zur „Besprechung mit anschließendem Frühstück“ lädt und damit Begründer der Wannseekonferenz ist, um das sogenannte „Judenproblem“ logistisch zu lösen. Als diese Rolle an Sie herangetragen wurde: haben Sie gezögert?
Ich habe lange gezögert. Weil das ein schwieriges Thema und Heydrich ein für mich sehr befremdlicher Charakter ist. Bei so einem Stoff muss man sehr wohl überlegen, was damit passiert, wie er verarbeitet wird; schließlich ist der Ansatz, einen nüchternen Film über die Täter zu machen, gewagt. Als ich aber erfahren habe, wer den Film machen soll, wusste ich, die Thematik ist hier in wirklich guten Händen. Und ich bin sehr dankbar, Matti Geschoneck als Regisseur erlebt zu haben. Er hat mit ruhiger Hand und viel Feingefühl die komplette Filmcrew geführt – insbesondere unter den schwierigen Drehbedingungen während der ersten Corona-Hochphase noch bevor Impfungen möglich waren und die Auflagen demgemäß sehr streng.

Wie erging es Ihnen, als Sie das Drehbuch gelesen haben? Sämtliche Aussagen basieren auf echten Protokollmitschriften. Sie wurden zum Ausgangspunkt des dunkelsten Kapitels der Menschheitsgeschichte, das zur Massenvernichtung der europäischen Juden führte und schrecklichste Schicksale begründete.
So ein Stoff und das Bewusstsein um diese historischen Tatsachen ist in höchstem Maße  verstörend. Das wird vermutlich auch den Zuschauern so gehen. Diese Thematik nochmal eingehend zu beleuchten, ist gerade in diesem Gedenkjahr von höchster Bedeutung.

Hat es dazu einen neuen Film gebraucht; es gibt bereits zwei ältere Verfilmungen des Stoffes?
Das habe ich mich ursprünglich auch gefragt. Zum 80. Jahrestag ist aber durchaus ein besonderer Impuls zulässig, um aktiv Erinnerungskultur zu betreiben.
Unser Ansatz ist ein moderner, der versucht, die Täter als Menschen zu zeigen. Wir haben ja die typischen Nazi-Töne zahlreicher Verfilmungen und Dokumentationen im Ohr. Geschoneck wagt eine andere Adaption. Und ja, das Endergebnis betrachtend: es hat diese Verfilmung gebraucht, weil er das Thema aus einem zeitgemäßen Blickwinkel beleuchtet.

Wie schafft man es, sich in den Charakter des Heydrich einzudenken, um dessen grauenhafte Gedanken aussprechen zu können?
Ich habe mir natürlich viele Dokumentationen und Filme angeschaut, um mich in die Zeit einzufühlen. Um in einen solch abgrundtief unmenschlichen Charakter wie den des Heydrich einzutauchen, ist es schlichtweg nötig, sich mit dem Bösen auseinanderzusetzen und es zuzulassen. Ich musste für den Moment des Spiels die eigene Moral völlig ausblenden.

Unabhängig von der historischer Aufarbeitung – welche aktuelle Bedeutung hat dieser Film Ihrer Meinung nach?
Dieser Film ist sehr aufgeräumt, ruhig, klar: Die Konferenz wird als Tagung dargestellt, die schlichtweg ein Problem lösen will – es werden Strukturen, Machtverhältnisse erkennbar; es geht um Kompetenzzuordnungen. So sehen Sitzungen auch heute aus mit Karrieristen aller Couleur. Das ist der Clou des Films: ... dass die kleine Nazi-Elite, die sich am Wannsee trifft, durchaus mit Menschen in Führungspositionen von heute vergleichbar ist. Es sind Menschen, die Bedürfnisse und Ziele in ihrem Arbeitsleben haben, die die Karriereleiter aufsteigen oder wenigstens ihren Platz wahren wollen, die tagtäglich Entscheidungen fällen, ohne einen persönlich inhaltlichen Bezug aufkommen zu lassen. Das gesprochene Wort aber zieht Taten nach sich, die Konsequenzen haben. Das galt damals wie heute. Insofern ist der Film auch ein Appell an Verantwortung und Bewusstsein dem eigenen Tun gegenüber.

Was hat Sie künstlerisch am meisten bei den Dreharbeiten beeindruckt?
... die Tonalität zu erfahren, in der dieser Stoff vermittelt wird. Diese schlichte Klarheit ohne zu überhöhen, ohne zu verzerren und vorzuverurteilen.

Welche Bedeutung hat dieser Film für Ihre schauspielerische Entwicklung?
Es ist die bisher größte Herausforderung und gleichzeitig eine Arbeit, die mir wahnsinnig umfangreiche Erfahrung geschenkt hat. Nicht nur, dass es ein mächtiges Erlebnis ist, so intensiv in diesen Zeitabschnitt eintauchen zu dürfen. Als Schauspieler musste ich lernen, eine innere Linie zu übertreten, die einem Humanisten angeboren ist, um das Dunkle und Böse zuzulassen.

Sie spielen aber öfter und sehr gern den Bösewicht ...
Die Rolle des Heydrich ist mit anderen Rollen nicht vergleichbar. In den Vorstadtweibern beispielsweise agiert der Bösewicht mit einem großen Augenzwinkern. Die Wannseekonferenz ist real und verursacht Abscheu. Es hat lange gedauert, diese ekelhaften Gedanken wieder loszuwerden. Ich war – ehrlich gesagt – noch nie so betroffen.

Hinzu kam, dass alle Darsteller sich stets im selben Raum befinden; es gab also kaum Frei- bzw. echten Spielraum.
Der Film ist im Einakterprinzipg gedreht; die Sendezeit des Films entpricht also der Zeit des tatsächlichen Geschehens. Auch diese Drehrealität war absolut neu für mich und führt auch hier zu veränderter Wahrnehmung. Hier ballt sich alles konzentriert zusammen.

Der Film wurde zur Coronhochzeit Ende 2020 unter strengsten Corona-Auflagen gedreht, weshalb Sie keinen Kontakt außerhalb des Sets haben durften. Unter diesen Bedingungen ist es besonders schwer, das Böse wieder abzustreifen – wie haben Sie das geschafft?
Es war wirklich kein Auskommen möglich: Es gab nur den Stoff, das Filmset, die Crew und meinen Wohnraum. Die einzige Ablenkung bestand darin, mir Essen zu kochen oder Sport zu
machen, wie Joggen oder Radfahren, was man allein betreiben kann. Das habe ich zwar so ausgedehnt wie möglich gemacht; eine wahre Ablenkung war dies nicht – für die Verdichtung des Films aber wahrscheinlich von Vorteil.



TEXT/INTERVIEW: Gabrielle Pinkert
FOTOS: ZDF/Julia Terjung

News von: Gabrielle Pinkert, 24.01.2022

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