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Und plötzlich ist alles anders

Wie das Leben so spielt, wenn man einfach nur mal dabei sein möchte

Kaum sitzt man auf seinem Stuhl, hat man auch schon die längste Zeit darauf gesessen. Denn unversehens ist man mittendrin in der aktuellen Produktion des Jungen Theaters „Die Welt steht still“ – und zwar von Anfang bis Ende, vom trommelartigen Wortschwall der Darsteller bis zur Sekunde der absoluten Stille.

Schon mit einem Kracher geht es los: wenn sich Murat und Marco samt Matratze den Weg durchs Fenster des Theaters hin zur Bühne erkämpfen und in die von einigen Tonbandansagen ansonsten angespannte Stille des Publikums platzen. Zwei junge Typen, die von den Anfängen einer Feindschaft und dem Weg zur großen Freundschaft berichten. Was heißt „berichten“?! Sie erzählen nicht, sie stellen nicht dar – sie sind! Sind Murat und Marco, sind bestes bayerisches Kindl und ein ebenfalls in Deutschland aufgewachsener aber anhand seiner Aussprache dennoch unverkennbarer Sohn türkischer Emigranten. Sind zwei, die sich zunächst anpöbeln, aber sich dann doch in der entscheidenden Situation Hilfe gewähren. Wie im wahren Leben kommt der eine nicht in die Disse, weil er die falsche Nase hat; der andere, der zwar kurz davor selbst noch handgreiflich wurde, hat glücklicherweise gute Laune und hilft aus der Patsche. Murat und Marco haben sich gefunden und ziehen von nun gemeinsam durch die Straßen.
 
Beide noch im zarten Alter absoluter Jugendlichkeit schon gefrustet und ziellos, was ihre eigene Lebensplanung anbelangt. Für einen Moment pubertärer Freude sorgt immerhin der Besuch eines Fußballspiels, das nicht nur im Vorfeld die neue Freundschaft auf die Probe stellt und sowohl das eine als auch ein anderes Mal kräftig Mut erfordert, sondern darüber hinaus auch ungeahnte Geschäftsmöglichkeiten offeriert. Murat und Marco sind schließlich aus Kostenersparnisgründen in Security-Uniformen gestiegen, um dem Spiel auch ohne Geld beizuwohnen. Auf der Rückfahrt kommt Murat dann spontan die Idee von Kostenerschaffungsgründen, die so ein Outfit ebenfalls mit sich bringen kann. Gemeinsam kassieren sie die Fahrgäste ab und übertreffen sich gegenseitig in ihrem zwischenzeitlichen Berufsstand. Dieser muss natürlich anschließend gebührend gefeiert werden, der nächste Club wird angesteuert. Doch die Partyhöhle wird zur Partyhölle. Zumindest für Murat. Denn der kann nicht aufhören zu trinken und gerät in einen Rausch der Ideen und Gefühle, der Erinnerungen und Visionen, des Lebens und Vergessens ... Und plötzlich ist es still. Und Marco ist allein. Ganz still. Ganz allein.
 
Ungemein authentisch und mehr als überzeugend die beiden Jungdarsteller Felix Steinhardt und Stefan Maschek. Ihr Spiel ist kein Spiel, es ist ernst, denn sie nehmen das Publikum mit, jeden einzelnen Gast – auf ihre Reise, in ihre gemeinsame Zeit. Wie sehr man mit den beiden verbunden ist, die man anfangs noch befremdlich angeschaut hat, merkt man erst am Ende, wenn man sich als deren Freund fühlt und zu Hilfe eilen möchte in einem Moment, in dem es schon zu spät ist. Dafür verantwortlich zunächst der per se Intimität schaffende Proberaum als Bühne, zu einem bedeutenden Teil aber die clevere Inszenierung von Katja Blaskiewitz, bei der die Theaterbesucher unverhofft oft zur Requisite oder zu Nebendarstellern werden, in dem sie sich im Jahnstadion als Fußballfan im richtigen Lager wiederfinden, indem sie zum abgezockten Fahrgast werden oder in dem sie einfach die entscheidende Flasche Wodka halten, die allem ein Ende bereiten wird. Hut ab jedoch besonders vor der darstellerischen Leistung, dem traurigen Witz und der nicht witzigen Traurigkeit, der extrem gut gesetzten Spannung zwischen Komik und Tragik, dem ungeheuren Spieltempo und dem hohen Aktionismus von Maschek und Steinhardt. Ein Muss für Schauspielfreunde, für Theaterfreude, für Freunde von Freunden. gp

 
 
DIE WELT STEHT STILL im April:
06.04., 19.30 h || 07.04., 16.00 h || 11.04., 10.00 h
Karten unter Tel. 0941-507 24 24 oder unter www.theaterregensburg.de
www.facebook.com/theaterregensburg || www.facebook.com/jungestheaterregensburg

News von: Gabrielle Pinkert, 14.04.2013

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