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Mann, Frau, Inter

Weshalb wir unseren Wortschatz erweitern müssen

Die Änderung des § 1353 BGB zur „Ehe für alle“ im Juni dieses Jahres verursachte ordentlich Aufruhr (siehe August-Ausgabe port01 Regensburg). Allerdings wurde im Trubel um das geänderte Gesetz einem Detail wenig Beachtung geschenkt: um heiraten zu können, muss man einem eindeutigen Geschlecht zuzuordnen sein. Der Süddeutschen Zeitung (SZ) zufolge leben in Deutschland allerdings rund 100 000 intersexuelle Menschen – auch „inter“ oder „divers“ genannt. Unter diese Bezeichnung fallen all jene, die sich selbst nicht eindeutig dem bisher unserer Gesellschaft zugrundliegenden binärem Geschlechtersystem zuordnen können, sich also weder eindeutig als Mann noch als Frau identifizieren.

Auch von medizinischer Seite ist die Einteilung nicht klar definiert, da bei intersexuellen Menschen genetische, anatomische oder hormonelle Besonderheiten vorliegen. Wenn man sein Geschlecht also nicht festlegen kann und will, darf man de facto nicht heiraten. Allein dieser Schluss legt offen, dass wir es noch mit einer „Ehe für nicht ganz alle“, wie die SZ titelte, zu tun haben.

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Nun gibt es zum einen in Deutschland seit 1981 ein geltendes Transsexuellengesetz (TSG), in dem unter anderem festgelegt ist, dass Menschen, die sich dem anatomisch anderen Geschlecht zugehörig fühlen, ihren Namen dahingehend ändern dürfen. Andererseits gilt seit 2013 das neue Personenstandsgesetz, welches die Möglichkeit eröffnet, das Geschlecht bei einem nicht eindeutig bestimmbaren Neugeborenen offen zu lassen. Man könnte also meinen, dass sich der Gesetzgeber zwar mit der Thematik beschäftigt, aber eben nicht stringent genug. Denn die jüngeren Regelungen sind nicht zu Ende gedacht worden – obwohl der Deutsche Ethikrat bereits 2012 darauf hinwies, dass das TSG in vielen Punkten Überarbeitungsbedarf aufweist; so sind Teile des TSG vom Bundesverfassungsgericht bereits für verfassungswidrig erklärt worden.

Als Konsequenz veröffentlichte der Bundesrat in diesem Sommer den Beschluss (BR 362/17), dass das TSG aufgehoben und durch ein moderneres Gesetz abgelöst werden soll. Weiterhin wird die Bundesregierung aufgefordert, diese Bestrebung unverzüglich in die Tat umzusetzen, da bereits umfangreiche Gutachten über die Fehlerhaftigkeit vorliegen und der Schutz der Selbstbestimmung bei der Geschlechterzuordnung hohe Priorität hat. Denn schließlich geht es nicht „nur“ um bürokratische Belange: in Deutschland werden immer noch medizinisch nicht indizierte Operationen an intersexuellen Kindern vorgenommen. Darüber hinaus geht mit der Personenstandsänderung eine teure Begutachtungspflicht einher.

Ob und wie schnell nun eine Umsetzung des Beschlusses stattfindet, ist noch offen. Als Mitbürger dieses Landes können wir schon mal damit anfangen, uns an die Termini zu gewöhnen, und unser Denken umstellen. Denn alle dahingehenden Änderungen sind nicht komisch oder kompliziert – sie sind lediglich ungewohnt.

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News von: _lf, 01.12.2017

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