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Interview mit Dr. Thomas Raphael, Geschäftsführer der Bergmann Brauerei

Ich bin in der Bierstadt Dortmund aufgewachsen. Das was heute der BvB für Dortmund bedeutet, waren in meiner Jugend Bier, Kohle und Stahl. Bier war allgegenwärtig, dominierte das tägliche Leben und es hat mich daher nie losgelassen, obwohl ich lange Zeit keinen direkten Bezug dazu hatte, außer natürlich als Getränk. Das Schicksal nahm glücklicherweise eine Wendung, als ich 2005 über die alte Biermarke stolperte. Heute bin ich froh, dass ich meinen Teil zur Dortmunder Bierkultur und -geschichte beigetragen konnte.

 

Lieber Dr. Thomas Raphael, wenn ich frisch hierher ziehen und Bergmann überhaupt nicht kennen würde (gibt es wahrscheinlich kaum :-)), wie würden Sie mir die Bergmann Brauerei vorstellen?
 
Wie? Na, am liebsten natürlich persönlich vor Ort, bei einem Bier im Sudhaus und mit meiner Geschichte, wie ich zu diesem Projekt gekommen bin.
 
 
Als Sie sich die alte Marke „Bergmann Brauerei“ 2005 gesichert haben, war das, so wie es erzählt wird, eher der Liebhaberei wegen. Ab wann war Ihnen klar, dass sich aus den ersten Brauversuchen eine echte Geschäftsidee entwickelte?
 
Die alte Marke „Bergmann“ lag brach, die wollte keiner mehr haben und etwas weiterzuentwickeln, was unbeachtet aber werthaltig ist, das liegt mir. Zunächst hing die Markenurkunde auch nur im Bilderrahmen an der Wand in meinem Büro. Erst im Jahr 2006 hab ich mich langsam mit dem Gedanken beschäftigt, auch wirklich ein Bier für die Marke zu brauen. Die ersten Jahre waren vor allem harte Arbeit, aber ich hatte etwas Zeit übrig. Es hat Spaß gemacht, diese Zeit in eine verrückte Geschäftsidee zu investieren. Als wir 2009 mit der Ausgabe von Genussscheinen Geld für unsere erste, kleine Brauerei eingesammelt hatten, wurde es ernster. Ich spürte viel Vertrauen und Zuversicht. Wir haben dann einen ersten Geschäftsplan entwickelt.
 
 
„Harte Arbeit. Ehrlicher Lohn.“ Über die letzten Jahren haben Sie, Ihr Mit-Geschäftsführer und das Team das Geschäft und die verschiedenen Produkte aufgebaut. Wie hart hat die Pandemie Bergmann getroffen?
 

Ich sag mal „mittelhart“, wir klagen nicht gerne. Wenn ich mir die Profiteure der Krise ansehe, z.B. Amazon, dann würde ich auch „hart“ sagen. Unser Kiosk ist seit einem Jahr geschlossen, unsere Stehbierhalle seit einem halben Jahr, die Gastronomie als Fassbierkunde ist weggebrochen. Schön war es zu sehen, wie schnell und flexibel wir reagieren konnten. Schon im April 2020 hatten wir unseren Brauereiverkauf neu aufgestellt und seit dem November ist der Brauereiverkauf eine wirkliche Stütze und hilft uns durch die Krise. Viel Bier welches nicht vor Ort getrunken wird, füllen wir in Flaschen und freuen uns, dass unsere Kunden das sehr schätzen.
 

 
Der Kiosk in der City am Hohen Wall hat Kultstatus, das darf man sicherlich so sagen. Was war und ist das Erfolgsrezept für diesen Standort?
 
Da war ein bißchen Glück im Spiel, der war nicht leicht zu bekommen, aber auch die Leichtigkeit dieses Projektes, welches immer Spaß gemacht hat und machen sollte, hat uns geholfen. Da standen am Anfang unsere Jungs drin und haben sich ihr Taschengeld verdient. Erst 2012 haben wir dann eine Gastrokonzession dafür bekommen. Es ist aber auch die Interpretation und Weiterführung der Ruhrgebietsgeschichte: Alle packen mit an, wir stemmen ein ungewöhnliches Projekt, wir erkennen die Werte und Traditionen der Ruhrgebietskultur und entwickeln sie weiter. Nicht zuletzt helfen der Direktverkauf und die Kommunikationskultur dort. Wir sind gespannt, wie sich der Kiosk nach Corona weiterentwickeln wird.
 
 
Apropos Standorte. Seit 2017 ist die Bergmann Brauerei auf Phoenix West mit Blick auf den Hochofen in Betrieb. Ihre drei Sätze zur Bedeutung von Phoenix West?
 
  1. Ich hab schon in den 1970ern im Winter aus dem Schulfenster raus die glühende Schlacke gesehen, die Hochöfen leuchteten rot. Das ist ein „Denkmal“, im wahrsten Sinne des Wortes.
  2. Auch schön, dass auch hier auf Phoenix-West die Transformation zu einer neuen wirtschaftlichen Nutzung perfekt gelungen ist. 
  3. Anders als am Phoenix-See kann man hier Ruhrgebiet noch sehen und erfahren.
 
 
Nun gibt es auch neue Pläne und Umsetzungen im Dortmunder Hafen. Dort in der Speicherstraße entsteht ein Bergmann Hafenausschank. Ein durchaus mutiger Schritt zur Coronazeit. Wagnis oder folgerichtig, was sagen Sie? 
 

Der Hafen ist auch etwas, was in Dortmund lange unbeachtet liegengelassen wurde. Ich fand das immer schon schade, weil man auch dort Ruhrgebiet hautnah spürt. Wir sind dort erstmal nur temporär mit Containern angesiedelt und gespannt, wie sich der Hafen und das Umfeld entwickeln werden. Außerordentlich aufwändig war und ist es noch, eine Genehmigung für die temporäre Aufstellung der Container dort zu bekommen. Sowas werden wir sicher nicht nochmal mitmachen. Spaß macht es trotzdem solche Projekte zu entwickeln, gerade prüfen wir, ob wir eine alte Minigolfbahn mit Ausschank auf der Hohensyburg wiederbeleben dürfen.
 
 
Abschließend nur mal unter uns. Was macht die Stärke von Bergmann aus? Die Biersorten selbst? Das gute Marketing und die Historie? Oder Ihr Vertrieb?
 
Stärke von Bergmann ist die gelebte und weitergeführte Erinnerung an die Werte des Ruhrgebiets und der Schwerindustrie. Wir haben das gute Bier zusammengeschafft, nicht einer allein. Unser historisches Fundament hat geholfen. Marketing gab es bei uns anfangs gar nicht und Vertrieb erst recht nicht. Wir setzen um, was wir für richtig halten und was Spaß macht.
 
  
Dr. Raphael, wir danken sehr für das gute Gespräch und freuen uns, dass Sie den Weg vom Mikrobiologen zum Bierbrauer genommen haben. Dortmund würde etwas fehlen. 
 

News von: Daniel Nagy, 23.07.2021

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