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Bühnengewitter peitscht zur Euphorie

Philipp Hochmair feiert mit Dresdner Rockband und Philharmonie Salzburg

Fotos: Erika Mayer / Stephan Brückler

Das Festspielhaus Salzburg war am vergangenen Wochenende zu den beiden Vorstellungen „Jedermann Reloaded Symphonic“ mit Philipp Hochmair und der Dresdner Band Elektrohand Gottes ausverkauft. Am Ende gab es stehende Ovationen. Und das Publikum resümierte einheitlich: So etwas habe man bisher noch nicht erlebt.

Der Ruf nach dem „Jedermann“ erschallte nur einmal – dafür hob das Orchester zu großen Tönen an; psychodelic Sounds stellten sich entgegen und ein lustvoller Philipp Hochmair als zügelloser Zügelhalter, der unsichtbar alle Fäden zusammenhielt und vortrefflich mit dem Stück wie auch der Inszenierung spielte – das Publikum erlebte ein funkensprühendes Spektakel.  

Die Inszenierung, in der Philipp Hochmair seine Reloaded-Version des „Jedermann“ üblicherweise zum Besten gibt, ist dadurch gekennzeichnet, dass sie sich gerade von der klassisch-traditionellen Darstellungsform, in der das Stück von Hugo von Hofmannsthal gemeinhin aufgeführt wird, abhebt und mit der Regiearbeit von Nicolas Stemann den Gegenentwurf im Rockgewand liefert. Das, was am vergangenen Wochenende im Salzburger Festspielhaus zu erleben war, brachte nun zwar wieder Klassisches auf die Bühne, war aber alles andere als tradiert.

Hochmair sprang in der ihm eigenen Dynamik wie ein Superstar, der er seit seinem Einspringen bei den Salzburger Festspielen für den erkrankten Tobias Moretti im vergangenen Jahr zweifelsohne in persona ist, über die Bühne und in sämtliche wichtige Rollen des Stücks. Dazu ging er als ärmlicher Nachbar in die Knie, zog als Mutter das Jacket wie ein Tuch über den Kopf und schlug euphorisch auf die Drums ein. In Armyhose und Glitzerjacket erstrahlte dieser Jedermann als glamouröser Entertainer, der sich dem Rausch des Lebens hingibt und mit genügend Geld ausgestattet sich dies auch durchaus in ausschweifendem Umfang leisten kann. Seine Gespielin (in der Rolle der Buhlschaft: Burgdarstellerin Ulrike Beimpold) wälzte sich mit ihm in höchster Lust zu fetten Elektro-Beats genüsslich in den aufsteigenden Nebelschwaden. Soweit so gut – zumal die harten Beats von der Elektrohand Gottes geliefert wurden, die Hochmair für seine Aufführung seit rund fünf Jahren regelmäßig zu seinen Vorstellungen auf die Bühne bittet.



Schauspiel, Rock und Klassik vereint – das eröffnet neue Dimension und entflammt Publikum
Das Novum nun: Musikalisch wurde die Dresdner Punk- und Rockband erstmals von der Philharmonie Salzburg unterstützt. Die rund 50 Musiker füllten nicht nur die Bühne, sie spielten auch jeden hörbaren Raum aus. Die Dirigentin Elisabeth Fuchs, bekannt für ihre Experimentierfreudigkeit, sah es als Herausforderung an, das klassische Schauspiel in der rockigen Version mit klassischen Tönen zu untermauern. Dafür hatte sie Stücke unter anderem von Mozart, Elgar, Verdi und Mahler ausgewählt. Und wie in einer offenen Jam-Session, in der jeder sein Bestes in den Vordergrund stellen darf, traten einzelne Orchestermitglieder, beispielsweise mit Fagott oder Geige, an besonders markanten Stellen des Schauspiels in den Vordergrund, nahmen sich den Platz im vorderen Bühnenbereich und hoben damit den dramaturgischen Spannungsbogen an. Das musikalische Doppel lieferte sich einen harmonischen Wettstreit, der nur Gewinner zuließ.  Eigenständig und nicht nur untermalend, konnte der musikalisch Part sich der schauspielernden Rolle gleich mit dieser auf einer Ebene einfinden. Filigrane Töne schmeichelten dem Glückstaumel der Geliebten, schrille hoben die  verletzlichen Momente der inneren Einkehr hervor, als Jedermann kurzzeitige Panik in Anbetracht des nahen Todes empfand – harte Beats und volles Orchester peitschen ihn hingegen auf höchste Wogen, wenn er wollüstig in der Leidenschaft zu seinem Reichtum aufging. Rock und Klassik spielten einander zu - ein geschickter Schachzug, der nicht nur die Handlung des Stücks unterstützte, sondern einmal mehr die scheinbar festgelegten Rollen auf der Bühne aufhob und Brüche lieferte, um zu überraschen. Das tut zwar in der Alternative ohne Orchester die reine Rockversion des „Jedermann Reloaded“ ebenfalls – Hochmair, bekannt unter anderem als intriganter Politiker in der Serie „Vorstadtweiber“ oder als feinfühliger Kommissar in „Blind ermittelt“, gibt auch seinen Dresdner Musikern den Raum, sich zu entfalten und ebenbürtig zu sein. Dennoch gewann die Vorführung im Festspielhaus Salzburg an Volumen und wuchs mit der Orchestereinbindung. Aus Zwei- wurde Dreidimensionales.

Ritt auf der Rasierklinge: gerade mal drei Tage für die Proben
Gerade mal drei Tage hatten die Protagonisten zum Proben, Austesten und Einspielen Zeit – davon war im Zuschauerraum nichts zu spüren. Das Zusammenspiel zwischen Schauspielern, Rockband und Orchester wirkte in sich rund und überaus stimmig.

Eine Herausforderung war es für alle bis zur letzten Minute: Philipp Hochmair hatte auf dieser gefüllten Bühne weniger Platz als sonst und musste sich in seiner Agilität ein wenig einschränken. Zurücknehmen mussten sich auch die drei Rockmusiker Tobias Herzz Hallbauer, Jörg Schittkowski und Alwin Weber, um den klassischen Tönen ausreichend Raum zu geben. Herzz Hallbauer: „Das war schon sehr ungewohnt, sich als Künstler, der selbst Raum greifen will, so zurückzutreten, aber eine Erfahrung, die ich definitiv nicht missen möchte“. Schittkowski ergänzt: „Es eröffnete sich eine völlig neue Dimension. Von so einem professionellen Orchester unterstützt zu werden – ein Geschenk“. Für die Zuschauer war an keiner Stelle eine Trennung zu spüren – die harten Bässe und eindringlichen Noises wurden wunderbar weich von den sanften Klängen klassischer Orchestermusik aufgefangen und ins romantisch Sehnsüchtige oder pulsierend Energetische gesteigert.

Wie ein frecher Puck hat Hochmair die höchste Freude,
mit dem Publikum und sich selbst Im Stück zu spielen

Alwin Weber, der Drummer von Elektrohand Gottes, schmunzelt als er sein Statement nach der letzten Vorstellung abliefert: ich bin mir sicher, so etwas haben die Leute hier sicher noch nicht erlebt. Mit „die Leute hier“ meint er das Festspielklientel, das er eher der bewährten Interpretation von Kunst zugewandt sieht.  Mit „so etwas“ meint er den wilden und doch harmonischen Mix zwischen klassischer Orchestermusik und Industrial bzw. Noise Sound gepaart mit der energetischen Darstellung eines Schauspielklassikers. Der Ritt auf der Rasierklinge – tonal wie darstellerisch-interpretatorisch - ist umfassend gelungen. Das wagemutig krachende Zusammenspiel wurde mit minutenlangem Applaus und Standing Ovations belohnt, weil es bestens unterhielt und von der ersten Sekunde an ein vielschichtiges Publikum zu fesseln verstand.
Die Zuschauer wirkten freudig und gelöst – eine Seltenheit bei einem tiefgehenden Stoff, der die großen Sinnfragen stellt: Was bleibt übrig, wenn der Tod plötzlich vor der Tür steht? Was heißt Leben, was Lieben? Welchen Sinn haben materielle Werte und welche Bedeutung ideelle Güter?
Hochmair trägt einen Großteil mit seiner impulsiven revoluzzerhaften Darstellung bei: Er lässt seinen Jedermann bis zur letzten Sekunde nicht aufgeben, sondern feiern.
Er nimmt die bedrückende Schwere, indem er einzelne Aussagen in der Manier von Stand-Up-Comedy spontan ins Englische oder Französische übersetzt. Er springt ins Publikum und fordert als Lebemann und Gastgeber ad hoc zum Mitsingen auf – wer nicht weiß, was er so schnell aus der Kehle zaubern soll, dem gibt er Nachhilfe mit Vorschlägen, wie „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“. Wie ein frecher Schelm oder Shakespearscher Puck hat er die höchste Freude, mit dem Publikum und sich selbst Im Stück zu spielen. Das Publikum dankt diese frohlockende Unkompliziertheit und geht vollends mit.

Auf dem anschließenden Empfang suchen die Zuschauer immer wieder den Kontakt zu allen Künstlern, um ein einheitliches Fazit zu ziehen: „So etwas gab es bisher noch nicht! Es war fantastisch, diesen Abend zu erleben“. Auch Dirigentin Fuchs ist begeistert: „Wir haben mit diesem Programm in der Verbindung von Schauspiel, Klassik und Rock ein neues Genre eröffnet. Sie freut sich schon jetzt auf weitere Experimente mit Hochmair und seinen Soundkünstlern, der Elektrohand Gottes.

News von: Gabrielle Pinkert, 31.10.2019

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