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Interview mit dem Nachtbeauftragten der Stadt Dortmund

Foto: Volker Rost / Stadt Dortmund

Die Coronakrise hat die Wirtschaft auch in Dortmund hart getroffen. Als Gegenmaßnahme hat die Wirtschaftsförderung das Konzept „Neue Stärke“ entwickelt. Darin enthalten ist unter anderem die Förderung sehr stark betroffener Branchen.

Veranstaltungen und Konzerte prägen das Bild Dortmunds als Großstadt. Eine lebendige Nachtkultur ist Teil des urbanen Erlebnisses. Ob Clubs, Live-Entertainment, Szenegastro­nomie, Kultureinrichtungen – alle sind Bausteine der Identität Dortmunds als Ausgehstadt. Sie stehen für Vielfalt und Diversität und sind wichtige kulturelle und ökonomische Akteur*innen. So fördert die Wirtschaftsförderung Dortmund daher im Rahmen des Programms ‚Neue Stärke‘ Veranstaltungen und Projekte aus dem Nachtleben. Mit der Einrichtung der Stelle eines Nacht­beauftragten wird ein zentraler Ansprechpartner für den Nightlife-Bereich geschaffen.

Seit dem 01.08.21 ist die Stelle des Nachtbeauftragten mit Chris Stemann besetzt worden. Vielen unter Euch ist Chris als DJ Firestarter bekannt, einem auch international gefragten DJ und zudem erfolgreichen Veranstalter. Mit seiner DJ-Kunst hat er in knapp 40 Ländern aufgelegt, es bis zu den Olympischen Spielen, Fußball WM oder auch der OSCARS Verleihung geschafft. Wir finden, eine sehr spannende Konstellation und ein Grund, ihn um ein Interview zu bitten.


Hallo Chris, wir freuen uns, dass Du Zeit für uns gefunden hast. Wie geht es Dir, wie hast du persönlich die Corona Pandemie auf beruflicher Ebene erlebt?
Die Branche aus der ich komme – also zusammen gefasst die Nightlife-, Club- und Kulturschaffenden – ist die wohl mit am härtesten betroffene Branche, die bis heute keine wirkliche Öffnungsperspektive erlebt hat. Langsam gibt es etwas Licht am Horizont, was aber dadurch getrübt wird, dass die Corona Schutzverordnung, an der man sich – völlig zurecht- orientieren muss, alle paar Wochen neu erlassen wird. Die pandemische Lage erlaubt also nur auf Sicht zu planen, für große Clubs ist das so aber kaum möglich. Eine riesige Maschinerie an Personal & Co. hochzufahren, um dann im schlimmsten Fall doch nur wieder ein oder zwei Öffnungstage zu haben, ist wirtschaftlich gesehen unmöglich.
Persönlich war es eine sehr harte Zeit, da braucht es ja nicht viel Fantasie. Ich habe seit März 2020 keine nennenswerte Veranstaltung mehr machen können. Dennoch bin ich mental ganz gut zurecht gekommen, was wohl meinem Naturell und auch etwas dem fortgeschrittenen Alter geschuldet ist – ich zähle ja jetzt schon eher zur „reiferen Jugend” (lacht), da ist man etwas unaufgeregter, vertraut vielleicht einfach mal mutig dem Leben – oder ganz generell: ich schaue lieber nach vorne als zurück, versuche positiv zu sein. Als neulich die Olympischen Spiele in Tokyo eröffnet wurden, da hat es mich aber auf einmal doch voll erwischt und ich saß heulend vorm Fernseher. Wenn einem plötzlich klar wird, dass man die vergangenen Jahre mindestens monatlich in Japan war, um auf die Olympischen Spiele hinzuarbeiten, jetzt aber selbst nicht dabei sein kann und 5 Jahre Arbeit irgendwie vergebens sind... das tat sehr weh. Auch und vor allem für die Menschen in Japan, die keine “echten” Spiele erleben durften und von denen einige echte Freunde geworden sind.

Wie würdest Du die Hilfen bewerten, die von Bund und Land deiner Branche gewährt wurden?
Ich glaube, dass diese Frage nicht seriös zu beantworten ist. Viele Existenzen stehen auf der Kippe. Es gab und gibt verschiedene Hilfen und mindestens genauso viele Meinungen dazu. Es ist gut, dass wir in einem Land leben, in dem es überhaupt Hilfssysteme gibt! Einige sind damit gut bisher durch die Pandemie gekommen, andere haben eher das Gefühl, durchs “Raster gefallen” zu sein und verspüren große Unsicherheit. Bei mir kommt als Grundstimmung an, dass sich viele – bezogen auf die Hilfen – einfach nur Verlässlichkeit wünschen. Verlässlichkeit darüber, welche Hilfen wirklich als solche angesehen werden können, bzw. wie, was und wann genau zurück gezahlt werden muss. Wenn das für alle sicher und verständlich ist, kann man die Frage erst abschließend beantworten. Ich persönlich habe Solidarität erlebt, wo ich es gar nicht vermutet hätte.

Magst du ein Beispiel nennen?
Na ja, wenn man in den vergangenen Monaten mal unter Leute kam, fand ich es sehr erfrischend, das Corona-Thema einfach mal aus zu schließen und über den heißen Scheiss – vornehmlich neue Kochrezepte oder den aktuell besten Lieferservice – zu fachsimpeln. Meine Friseurin hat mir mehrfach kostenlos die Haare geschnitten, weil sie wohl wusste, dass es nicht toll für mich läuft. Wenn so etwas von jemandem kommt, der mir nicht nah steht und dazu aus einem Berufszweig stammt, der wirtschaftlich selbst hart betroffen war, ist das schon etwas, das mich berührt, was ich mitnehme und auch so weitergeben möchte. Das ist in Reinkultur gelebt das, woran ich glaube: Nachbarschaft, Community, ein YOU&ME!

Du bist nun mittlerweile seit fast einem Monat neuer und erster Nachtbeauftragter in Dortmund. Natürlich erst einmal herzlichen Glückwunsch. Wie waren die ersten Wochen für Dich?
Vielen Dank! Es waren wahnsinnig spannende Wochen! Neue, tolle Kolleg*innen, neues Arbeitsfeld, viele Gespräche und Begegnungen, Herantasten an Verwaltungstätigkeiten. Das Gefühl, jeden Tag etwas Neues gelernt zu haben. Eine wirklich aufregende Zeit! Es macht gerade total Spaß!!! Und dabei hatte ich erst einige schlaflose Nächte, nachdem ich das Jobangebot bekommen hatte...

Warum das?
Normale Selbstzweifel eben! Oder auch Demut, wie man es auch nennen mag... ich war mein Leben lang selbständig, für mein Tun eigenverantwortlich. Wenn ich Sachen veranstaltet habe, die vielleicht auch nicht immer erfolgreich waren – dann habe ich dafür meinen Kopf hingehalten, daraus gelernt und gut. Wer mich kennt, der weiß, dass ich keine halben Sachen mache, sondern auch immer 100% gebe.
Jetzt arbeite ich für die Stadt Dortmund, für “meine” Stadt! Das ist eine ganz andere Verantwortung, ein anderer Druck. Hier wächst meine Tochter auf, hier leben und arbeiten meine Freunde und meine Familie- die Stadt und die Menschen liegen mir einfach am Herzen. Für ein attraktives Dortmund mitzuarbeiten ist eine tolle Aufgabe, große Herausforderung und oberstes Ziel zugleich. Totale Identifikation!!!

Du hast über viele Jahre das Nachtleben in Dortmund geprägt und bist auch als DJ erfolgreich. Wie kamst Du dazu, Dich auf diese Stelle zu bewerben?
Da gibt es verschiedene Komponenten. Aus meiner Sicht des Veranstalters gab es vor etwa 10 Jahren erste Maßnahmen der Stadt, um mit Clubbetreibern und Veranstaltern das Gespräch konstruktiv zu suchen. Unser ehemaliger Oberbürgermeister Ullrich Sierau hatte den “Runden Tisch Nightlife” ins Leben gerufen, mit “Ausgehen in Dortmund” gab es den ersten Zusammenschluss von Clubs und Machern der Nightlife Szene. Noch bevor ich überhaupt von der Stelle eines “Nachtbürgermeisters” oder dann später des NACHTBEAUFTRAGTEN erfahren habe, wurde ich von einigen Maßnahmen positiv überrascht, die mir deutlich gezeigt haben, dass mit unserem neuen Oberbürgermeister Thomas Westphal nicht nur jemand unsere Stadt führt, der Nachtleben kennt, sondern auch versteht und fördert! Für Clubs wurde für die kommenden Jahre die Vergnügungssteuer ausgesetzt, eine Aufhebung der Sperrstunde wird mit dem Restart der Clubs probeweise getestet, mit dem “Heimspiel.Dortmund” und den Clubfonds (beides Teile des Wirtschaftsprogramms “Neue Stärke” der Wirtschaftsförderung) wurden neue Maßstäbe gesetzt. Während der Pandemie hat sich mit der “Interessengemeinschaft Dortmunder Club- und Konzertkultur e.V.” ein neuer, starker Zusammenschluss gebildet. Grundsätzlich war da bei mir das Gefühl, dass trotz pandemischer Lage eine Aufbruchstimmung herrscht, aus der Gutes entstehen kann und an der ich teilhaben möchte.
Die andere Komponente ist eine persönliche: ich bin (zum Teil) alleinerziehender Vater einer Tochter.
Im vorletzten Jahr habe ich irgendwann einmal ausgerechnet, dass ich von ihren damals sieben gelebten Jahren, mehr als ein Jahr nicht bei meiner Tochter sein konnte, weil ich im Ausland war. Zeit, die man nicht zurück bekommt. Und Papa zu sein und meine Tochter beim Aufwachsen in ihre Selbständigkeit zu begleiten, das ist immer noch die wichtigste Aufgabe in meinem Leben. Von daher war der Wunsch von beruflicher Veränderung schon länger da als die Pandemie.

Erkläre unseren Lesern bitte, was ein Nachtbeauftragter für Aufgaben hat?
Zunächst einmal ist es eine Stelle als angestellter Mitarbeiter der Verwaltung, genauer gesagt im Team TIS (Trends & InnovationsScouting) bei der Wirtschaftsförderung Dortmund und somit – anders als der Titel des Nachtbeauftragten vielleicht suggerieren mag- eine Tätigkeit, die in erster Linie tagsüber ausgeführt wird. Natürlich werde ich bei Veranstaltungen oder den bevorstehenden Cluböffnungen auch nachts vereinzelt unterwegs sein und den Restart begleiten! Die Stelle des Nachtbeauftragten ist als Schnittstelle zwischen Nightlife und Verwaltung zu verstehen. Ich stehe in Gesprächen mit Verwaltung (Ordnungsamt, Gesundheitsamt etc.) und Unternehmen, aber auch Anwohnern und Gästen. Ich bin Vermittler zwischen verschiedenen Positionen, arbeite aber natürlich auch eng im Team mit den Kolleg*innen der Wirtschaftsförderung zusammen, um neue Ideen zu bündeln und anzuschieben, Kooperationen zu fördern und neue Formate zu entwickeln.Der Nachtbeauftragte soll für alle da sein, ABER: to dos haben die Akteure auch selbst. Man darf auch keine falschen Erwartungen wecken: Stadt und Wirtschaftsförderung können unterstützen, vermitteln, aber nicht zaubern.

Gibt es positive Aspekte der Pandemie und was qualifiziert Dich für die neu geschaffene Stelle?
Wenn man überhaupt in Bezug auf eine globale Katastrophe solchen Ausmaßes von ‘positiv’ sprechen darf, dann ist es bezogen auf das Dortmunder Nachtleben wohl die Chance, zu einem neuen Miteinander zu finden, gemeinsam durch und aus der Pandemie zu kommen. Wir –als Menschen, aber auch als Clubszene- haben wohl alle in den letzten Monaten gelernt, dass wir einander brauchen und nur gemeinsam etwas bewegen können! Die Stadt Dortmund hat mit der Position des Nachtbeauftragten genau diesen Ansatz aufgenommen. Die Gründung der “Interessengemeinschaft Dortmunder Club- und Konzertkultur e.V.” ist z.B. auch genau solch ein Ausdruck dessen.
An meinem zweiten Arbeitstag hat Oberbürgermeister Westphal mich und meinen Kollegen Frank Guzmerow dazu eingeladen, ihn auf seiner Sommertour ein Stück zu begleiten. Wir haben mit Vertretern der Clubszene einen mehrstündigen Stadtspaziergang gemacht, sind Locations und Plätze abgegangen, sind ins Gespräch gekommen und haben daraus erste Ideen formuliert. Am Ende des Tages trafen wir uns zu einem Thekengespräch mit 15 Dortmunder Machern aus der Nachtkultur. Aber obwohl ich in Dortmund seit 20 Jahren aktiv als Veranstalter arbeite, kannte ich 5 der 15 Personen nicht persönlich! Das sagt hoffentlich mehr über die Clubszene, als nur über mich aus. Ich will nur sagen, dass es kein Geheimnis ist, dass die Veranstalter und Clubbetreiber nicht immer nur eine homogene Gruppe waren, sondern oft auch jeder sein eigenes Ding gemacht hat.
Aber genau an diesem Punkt ändert sich gerade etwas, es gibt ein neues WIR-Gefühl in Dortmund, dies gilt es weiter auszubauen und zu unterstützen! Das ist übrigens auch die Rückmeldung von allen Seiten! Egal ob Verwaltung oder Clubbetreiber/Veranstalter – der Umgang untereinander hat eine solch gute Qualität und Offenheit, wie sonst nie. Was mich für die Stelle qualifiziert ist, dass ich hoffentlich ein halbwegs empathischer Mensch bin , der zuhören, verstehen und ausgleichend sein kann. Das müssen aber besser andere beurteilen.- Außerdem habe ich mit der Live Station, FZW, SIXX.PM, Daddy Blatzheim, Lindenbrauerei Unna, domicil, WerkStadt Witten, Alter Schlachthof Soest, etc. in vielen Läden in und um Dortmund als DJ und Veranstalter gearbeitet, stehe also nicht nur für einen bestimmten Laden, sondern habe aus der Erfahrung heraus einen guten Über- und Durchblick. Und – vielleicht der wichtigste Punkt – ich habe auch nach 25 Jahren im “Haifischbecken” Nightlife immer noch eine große Lust und Neugier auf Menschen, auf neue Begegnungen und Geschichten!

Welche persönlichen Ziele hast Du Dir gesteckt?
Erst einmal will ich alle Stimmen hören! Einfach mal zuhören! Die Stimmen der erfahrenen Macher, der wichtigen Clubbetreiber und Veranstalter, aber genau so die Stimmen der neuen, jungen kreativen Köpfe und die leisen Stimmen, die oft überhört werden. Es wäre vorgreifend jetzt ganz konkrete Ziele zu formulieren, diese sollten sich in erster Linie im Austausch mit den Akteuren der Szene entwickeln und dann hoffentlich realisiert werden. Der Rahmen ist mit dem Programm “Neue Stärke”, und z.B. dem Clubfonds klar gesetzt. Für ein noch attraktiveres Dortmund in der Zukunft. Ich hoffe natürlich, irgendwann mit vielen Partnern zurückzuschauen und zu sagen, dass wir gemeinsam durch die Pandemie gegangen sind.

Zum Abschluss: nenne uns eine oder mehrere Weisheiten aus deinen Erfahrungen als DJ und Veranstalter?
1. Glaube nicht alles, was Du denkst!
2. Du bist nur so gut wie dein kommender Gig/nächstes Projekt!
3. Die besten Projekte entstehen aus gelebtem Leben
4. ... zurück auf 1.


www.wirtschaftsfoerderung-dortmund.de
nachtbeauftragter@stadtdo.de
 

News von: Björn Dechau, 13.09.2021

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