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Liebe Gemeinde,

05. Juni 2015 image

Liebe Gemeinde,

neulich sitze ich beim Friseur. Auf den Termin habe ich diesmal ungewöhnlich lange gewartet. Personalmangel, sagt der Chef. Keiner will mehr Frisör werden. Es sei zum Haareraufen. Bei dem Wort überkommen mich Fluchtpläne. Ich bleibe trotzdem.

Neben mir sitzt eine junge Frau auf dem Stuhl. Tolles Outfit. Tolles Make-Up. Und tolle Begriffe nutzt sie, um der Friseurin hinter sich zu erklären, was sie machen soll. Sie filmt sich dabei mit dem Handy. Hochkant.
Sie sei Bloggerin, erläutert sie der skeptisch dreinblickenden Friseurin ihr Vorhaben und schwafelt weiter irgendwas von Casual Hair, Clip-In-Extensions und Microrings.
So viele falsch ausgesprochene Fremdwörter hat die solide ausgebildete Fachkraft zuletzt in einem TV-Interview mit Lothar Matthäus gehört. Nach einem kurzen, haarstäubenden Blick in Richtung ihres Chefs, lässt sich die Friseurin nichts weiter anmerken und heuchelt gekonnt Interesse, wie sie es offenbar schon im ersten Lehrjahr beigebracht bekommen hatte.

„Welcher Sender strahlt denn deine Videos aus“, fragt sie naiv. „Sender? Wie oldschool.“ Youtube-Channel sei der Hit, antwortet die Schnassel. Tausende Follower, den Link bei Facebook und Twitter geshared und schon ist das crossmedial ein Hit. Viral versteht sich. 
Auch die Firmen stehen Schlange bei so vielen Zugriffszahlen. Noch drei Videos über einen neuen Eyeliner, und sie bekäme den nächsten gratis zugesandt. „Echt?“ Fragt die Friseurin nun doch etwas erstaunt. 
„Ja, um darüber zu bloggen wie cool der ist“, so die Hochkantfilmerin. Und wenn der aber Schrott sei, fragt die Fachkraft irritiert. „Wie kann der denn Schrott sein, wenn ich ihn gratis bekomme“, so die Bloggerin. Sei doch außerdem egal. Kurz bevor sie das sagte, hatte sie die Handykamera aus gemacht. 

Ist nur voll blöd, dass mir immer etwas Neues einfallen muss, sagt sie betrübt. Blöd wäre das vor allem für einen Architekten, rutscht es mir um Haaresbreite raus. Ich schweige aber, käme eh nicht zu Wort. 

Letztes mal hätte sie über Ernährung gebloggt. Low carb sei ja jetzt mega In. Weil das voll die vielen Klicks hatte, postet sie jetzt immer ihr Essen bei Instagram. „Und weil ich all meine Fans voll lieb hab, schreib ich ein Tutorial zum Nachkochen dazu.“ Ein Rezept? Fragt die Fachkraft. „Tutorial heißt das!“ Klar. 

Während die Zippe nur noch in Hashtags redet, erinnert sich der Frisörmeister hinter mir zum Glück an einige Tutorials aus seiner Lehrzeit und frisiert mich fertig. Im Hintergrund klingelt das Telefon unentwegt. Leute wollen ein Termin. Keiner da, der rangehen könnte. Personalmangel. Und plötzlich erscheint mir der logisch. Wozu drei Jahre in die Ausbildung, um nachher Friseur zu sein. 
Als Styleberaterin braucht man schließlich nur einen Video-Blog. Als Model nur Instagram, als Fotograf ne coole App. Als Ernährungsberaterin genügt ein Smartphone, als DJ ein Laptop, als Marketing-Manager ein Twitteraccount. Wir alle können plötzlich alles sein. Ohne Schule, Ausbildung, Beruf. Lebe deinen Traum. Sei nur du selbst. Eine Lebenslüge, auf die eine ganze Generation reinzufallen droht. 

Frisch frisiert erhebe ich mich aus meinem Stuhl. Die Schnassel neben filmt sich derweil wieder. Hochkant. Anfangs dachte ich, sie tut dies, um ihre nach oben geschnallten Titten besser ins Bild zu bekommen. Jetzt bin ich mir aber sicher, sie ist einfach nur zu blöd. Dass Fernseher und Bildschirme, die ihre Videos später abspielen, Querformat haben, hat sie noch nicht kapiert. 

Ich vergesse nie ein Gesicht. Aber in ihrem Fall will ich eine Ausnahme machen. Einen schönen Juni wünsche ich euch. Geht wählen. Filmt euch von mir aus dabei.


Euer Sebastian
www.facebook.de/seb.guenth 

Autor: Sebastian Günther

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