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„Zu Besuch bei Freunden“ Karikaturen & Cartoons 2013 (plusminus) Interview mit Schwarwel

Neues Buch + Ausstellung auf der Leipziger Buchmesse 2014

Aller guten Dings sind drei! Nach „Die Bändigung des Kapitalismus“ (2011) und „Die Welt des Wissens“ (2012) zeigt Schwarwel in seinem 3. Karikaturen & Cartoons-Buch erneut die besten täglich gezeichneten, tagesaktuellen und politischen Karikaturen seines Arbeitsjahres 2013 (plusminus der Monate davor und danach), die in zahlreichen Zeitungen, Magazinen und Verlagen erschienen sind, u. a.: Der Spiegel, taz, zitty, Hamburger Abendblatt, Sächsische Zeitung, LVZ, Berliner Kurier, MAIN-POST, Braunschweiger Zeitung, Passauer Neue Presse, VATICAN-magazin, Evangelisches Sonntagsblatt, Cornelsen, Westermann Schroedel und l-iz.de

„Zu Besuch bei Freunden“ ist ein chronologisch geordneter und mit Fußnoten versehener Spaziergang entlang an den Rändern unserer Alltagswelt und beinhaltet die ganze Bandbreite der letzten Monate zwischen Merkel, Gabriel, Steinbrück, von der Leyen, GroKo, Bundeswehr, Zypern, Putin, Olympia, Sexismus-Debatte, Papst-Wahl, Homo-Ehe, Lebensmittel-Skandal, Gen-Saatgut, Waffenembargo, Flüchtlingsdrama … und natürlich Obama, Snowden und die NSA-Spähaffäre.
 
Bloßstellend, ohne zu zögern, konsequent kritisch, humorvoll satirisch und immer auf den Punkt stellt Schwarwel mit spitzer Feder die verschiedenen Themenkomplexe des Alltäglichen, die Geschehnisse aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dar. Und das tut ziemlich oft sehr weh, aber das kann und muss eine gute Karikatur ja auch.
Eine gute Karikatur muss zum Nachdenken anregen, provozieren und aufrütteln.
 
Tiefgreifend, scharfsinnig und pointiert filtert Schwarwel das Besondere heraus, lässt die Wirklichkeit sichtbar werden und bedient sich dabei feiner Ironie und beißendem Spot, der nichts im Halbdunkeln lässt und so Zusammenhänge herstellt, die eine hintergründige Pointe ergeben.
 
Und bei all diesen bittersüßen Karikaturen spürt man Schwarwels Fähigkeit zu Empathie und zum Mitgefühl.
 
„Die Satire darf alles, bloß eines nicht: Die Schnauze halten!“  (Wolfgang J. Reus)

Seit 2010 zeichnest du täglich 1 bis 2 Karikaturen, die in zahlreichen Zeitungen, Magazinen und Verlagen veröffentlicht werden, und mit „Zu Besuch bei Freunden“ veröffentlichst du jetzt dein 3. Karikaturen-Buch. Was hat sich in dieser Zeit für dich bzgl. deinem Karikaturen-Handwerk verändert?

Vor allem bin ich fokussierter geworden, was sicher vor allem damit zu tun hat, dass ich inzwischen routinierter mit dem Handwerkszeug umgehen kann und besser als zu Anfang weiß, wo meine Stärken und Schwächen liegen. Weniger ist mehr. Und es sammelt sich über die Jahre natürlich eine Menge Vorwissen an, was beim Aussieben von Ideen sehr hilfreich sein kann.

Ist es nicht schwierig, immer tagesaktuell zu dem aktuellen Geschehen sofort und schnell eine Karikatur zu erstellen? Wie entstehen deine Karikaturen? Wie wählst du deine Themen aus?

Gerade in diesem schnellen Reagierenmüssen sehe ich die Herausforderung, die einen Großteil des Spaßes an dieser Arbeit ausmacht. Es gibt nur ein schmales Zeitfenster, um seine Arbeiten abzuliefern – und gleichzeitig muss die Idee bzw. die Aussage der Karikatur so viel Bestand haben, dass sie nicht von den Ereignissen der nächsten Stunden überholt wird. Gerade bei jüngeren Themen wie den Ereignissen in der Ukraine oder hitzigen Themen wie der Edathy-Affäre konnte es sein, dass das Thema schon wieder die Richtung geändert hatte, kurz nachdem die Mail mit den Karikaturen raus war.
Deshalb sammle ich mittags beim Check der Newsportale immer erst wahllos Ideen und entscheide mich so spät wie möglich direkt am Zeichentisch, welche Themen ich umsetze. Sehr selten wird man dann doch von einer unerwarteten Änderung überrollt – das ist dann von mir zu kurz gedacht oder einfach nur Pech … und die Arbeit von ein paar Stunden war umsonst. Aber das gehört dazu.

Wie geht es weiter, wenn eine Karikatur deinen Zeichentisch verlassen hat? Wie kommt es zum Abdruck in den einzelnen Medien?

Sobald die Karikaturen im Rechner koloriert und finalisiert sind, suche ich Kurzbeschreibungen mit Schlagworten zusammen, damit die Redakteure das Thema schnell verorten und entscheiden können, obs für sie passt.
Dann versenden wir die Karikaturen nebst Minitexten an unseren Pool von Print- und Webmedien, den unser Studio stetig ausbaut und aktualisiert.
Daneben laden wir die Arbeiten auch printfähig auf Portale, die auf den Verkauf tagesaktueller Karikaturen und Illustrationen spezialisiert sind.
Über den Abdruck entscheiden die Redaktionen – also brauche ich mir da nicht die Nägel abkauen, sondern ich mache einfach weiter mit dem nächsten Punkt auf meiner To-Do-Liste.

Deine Karikaturen sind sehr kritisch, prangern an, provozieren und tun ziemlich oft weh. Warum möchtest du genau das dem Betrachter vermitteln? Wäre es nicht viel einfacher, seichtere Karikaturen zu erschaffen?

So fürchterlich schrecklich provokant finde ich die meisten meiner Sachen gar nicht. Das mag an meinem Faible für britischen  Humor und gute Satire liegen – da hat das Lachen diesen bitteren Beigeschmack, als würde man was Verbotenes tun. Flache Witzchen sind eben einfach nur lustig – und manche gehen auf Kosten der falschen Zielpersonen, aber guter Humor kann und sollte mit Sicherheit mehr als nur unterhalten und dann weg damit.
Und „seichte Karikaturen“ ist ja schon ein Widerspruch in sich – das sind dann einfach nur Inselwitze, wo Angela Merkel anstelle des bekannten Schiffbrüchigen unter einer einsamen Palme sitzt. Reizt mich nicht.
 
Was ist für dich das Besondere an deinen eigenen Karikaturen, die Essenz deiner Tätigkeit als Karikaturist?
 
Puh ...? Was für eine Frage!
Wenn ich die Karikatur selbst gut finde oder besser: wenn ich über sie lachen oder wenigstens leise oder bitter schmunzeln kann, hab ich mein Etappenziel erreicht. Davor steht aber immer ein Prozess, in dem ich abstecke, ob die Grundaussage eigentlich okay geht. Manchmal sehe ich eine Karikatur, die ich vor Monaten gemacht habe, und verstehe sie komplett anders, als ich sie damals eigentlich dachte gemeint zu haben. Das ärgert mich natürlich, weil das heißt, das die Arbeit bereits beim Entstehen missverständlich war und ich einfach nicht überblickt habe, welche Perspektiven in der Zeichnung stecken. Mehrdeutigkeit ist natürlich gewollt, aber aus Versehen die falschen Leuten an den Pranger zu stellen ist natürlich genau das, was mir selbst ja auch nicht passieren soll.
 
Von Charles Dickens stammt das Zitat: „Der Humor nimmt die Welt hin, wie sie ist, sucht sie nicht zu verbessern und zu belehren, sondern mit Weisheit zu ertragen.“ Siehst du das genauso? Ist es für dich eine Art Balsam für die Seele, mit deinen Karikaturen die Welt ein klein wenig besser zu machen oder ist das gar nicht dein Anspruch?
 
Was den Humor angeht, bin ich voll bei Dickens. Andererseits reden wir hier aber über Karikaturen, die für mich noch einen anderen Anspruch haben: sie wollen treffen. Aber mit dem Kiesel einer Schleuder und nicht mit dem Schrot aus einer Donnerbüchse. Ansonsten sind wir wieder bei den flapsigen Witzen, die eigentlich keinem weh tun und einfach nur meine Zeit verbrennen oder – was dann echt schlimm ist – klischeebeladener Haudrauf-Comedy, die querfeldein alles durch den Kakao zieht, was man massentauglich als Feindbild oder für allgemein verurteilenswert ausgemacht hat und wo schon eine quantitative – und nicht qualitative – Absolution erteilt wurde, um damit ein paar billige Lacher zu erzielen. Lachen in der Karikatur ist für mich kein Balsam – eher die letzte Bastion.
 
Gibt es eine Lobby für Karikaturisten und auch eine Art Karikaturisten-Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt?
 
In Deutschland gibt es die Cartoonlobby, in der die Karikaturisten wie in einem kleinen gallischen Dorf leben – und jedes Jahr gibts ein Fest mit Lagerfeuer und Troubadix ist mit Knebel im Mund an die Dorfeiche gefesselt. Ein schönes Dorf.

Schaust du dir auch die Arbeiten deiner Kollegen an?
 
Nicht zu oft, aber ab und an schon. Wer vergleicht, verliert – deshalb bringts mir nicht allzu viel, wenn ich tagesaktuell die Arbeit der Kollegen verfolge. Da besteht nur die Gefahr, dass ich mich in krankhaften Ehrgeiz verrenne und am Ende nur noch schlechtes Zeug fabriziere, weil ich den Fokus verloren habe. Aber es gibt sehr gute Sachen, by the way.
 
Könntest du dir vorstellen, bei einem Gemeinschaftsbuch dabei zu sein, in dem viele verschiedene Karikaturisten und Cartoonisten ihre Werke veröffentlichen? Und wenn ja, warum?
 
In Form von Kaufkatalogen wie zum „Deutschen Karikaturenpreis“ oder der „Rückblende“ gibt es sowas ja alljährlich. Da ist es schon schön, wenn man seine Arbeiten zwischen den Arbeiten verehrter Kollegen entdeckt.
 
Wie lebt es sich jeden Tag mit dem Stift ganz nah an Merkel, Obama, den nicht endenden Kriegen, dem Fremden- und Schwulenhass, der Klimakatastrophe, der Unterdrückung von Andersartigkeit, dem Kampf um die Gleichberechtigung von Frauen, an fehlenden Kita-Plätzen, Genmais, an einer Selbstverständlichkeit eines Überwachungsstaates … diese Liste ließe sich endlos fortsetzen …
 
Eigentlich lebt es sich ganz gut … Öffentliche Personen wie Merkel und Obama wohnen ja nur im Internet und in den Medien und sind somit entfernte Probleme, die ich einszweifix aus meinem Lebenskreis verbannen könnte … und alle anderen, alle echten Probleme wären auch da, wenn ich keine Karikaturen darüber machen würde. Da kann ich sie auch gleich thematisieren und mich an ihnen reiben. Das hat schon etwas Therapeutisches, Ordnendes … Die Probleme sind durch eine Karikatur nicht aus der Welt, aber meine Haltung dazu ist klarer.
 
Gibt es einen Charakter oder ein Thema, den/das du besonders gern zeichnest?
 
Jain, ich versuche möglichst keine Vorlieben zu pflegen, da ich denke, dass das nur einschränkt.
Und daneben diktiert ja auch die Tagespolitik den Rhythmus der Karikaturen … Es gibt immer wieder Themen, zu denen mir sofort etwas einfällt, die aber soweit ab vom allgemeinen Interesse sind, dass man da wirklich nur für die Schublade produziert. Politische Karikatur ist sowieso schon heikel, weil viele Leute pauschal politikmüde sind oder sich nicht zutrauen, sich damit zu befassen (obwohl wir alle ab dem Moment unserer Zeugung bereits politische Wesen sind) – und sei es nur dadurch, dass man eine politische Karikatur liest –, da muss ich es mir nicht noch extra schwer machen, indem ich Themen aufgreife, die außer mir nur noch ein, zwei andere Nerds interessieren.
Es sind eher Gesten und Mimiken, die ich gern zeichne: Wenn die handelnden Leute in den Karikaturen völlig ernsthaft in dem Schwachsinn aufgehen, den sie da tun, Buster-Keaton-Momente, wo der Protagonist selbst vollkommen humorlos agiert und erst daraus das Tragikomische entsteht …
 
Hast du eine eigene Lieblingskarikatur?
 
Die Sachen, wo ich mit wenig bis gar keinen Text auskomme, sind die Königsdisziplin.
 
Warum hast du dich für dein drittes Karikaturen- & Cartoons-Buch genau für dieses Cover entschieden?
 
Der Rhythmus des Titels sollte zu denen der anderen Bücher passen, um den Seriencharakter hervorzuheben – nachdem das klar war, blieben nur ein paar Themen übrig und da sprang einen für 2013 natürlich diese ganze Abhörskandalgeschichte mit Snowden, NSA, Prism, No Spy etc. an. Auch und vor allem, weil das immer noch aktuell ist und einer Lösung harrt.
Das schöne an dem Titel ist, dass der Text – wie vorher auch schon bei „Die Welt des Wissens“ – erst durch das Titelbild komplettiert und zur Einheit wird.
 
In „Zu Besuch bei Freunden“ ist zu lesen, dass du bspw. bei Ausstellungen zum Deutschen Karikaturenpreis und zur Rückblende beteiligst warst bzw. bist und auch Einzelausstellungen machst. Wie wichtig sind für dich Ausstellungsbeteiligungen und Einzelausstellungen deiner Karikaturen? Wird es in der nächsten Zeit weitere Ausstellungen von dir geben?
 
Ausstellungen sind wichtig, weil sie neue Leute an die Karikatur heranführen können und neue Wege aufzeigen, wie man in dieser Zeit der medialen Umgestaltung mit dieser Kunstform des gezeichneten, satirischen Kommentars umgehen kann. Das Zeitungssterben ist für Karikaturisten existenzbedrohend und die neuen Formate im Web sind einfach nicht dasselbe – von der teilweise recht abenteuerlichen Entlohnung mal ganz abgesehen. Da sind Ausstellungen ein gutes Signal, um Aufmerksamkeit zu erhalten und Öffentlichkeit zu schaffen.
Auf der Leipziger Buchmesse stellen wir Arbeiten aus dem neuen Buch aus und die Cartoonlobby hat auch wieder Ausstellungen in Planung – bisher gabs jedes Jahr etwas zu sehen, so dass ich hoffe, das wird dieses Jahr nicht anders sein …
 
Haben deine vegane Lebensweise oder dein privates Interesse für Gandhi und Buddha Einfluss auf deine Karikaturen?
 
Prinzipiell versuche ich, mich auf die Kernaussage einer Karikatur zu konzentrieren, nachdem ein Thema aufgepoppt ist, aber im Hintergrund läuft mit Sicherheit das ewige Magnetband der eigenen Erfahrungen und des angesammelten Halbwissens mit – wodurch die Karikaturen eben erst zu dem werden, was auch immer sie dann
sein mögen, wenn sie im Mailverkehr eingespeist sind und auf den Monitoren der Redakteure und – im Idealfall – in den Print- oder Webmedien erscheinen. In dem Moment habe ich es nicht mehr in der Hand – davor ist es meine Aufgabe, so gewissenhaft zu arbeiten, wie es mir eben möglich ist.
 
Interview geführt von: Sandra Strauß

News von: Sandra Strauß I Foto: Schwarwel „Zu Besuch bei Freunden – Karikaturen & Cartoons 2013 (plusminus)“, 12.03.2014

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