In meiner Flimmerkammer bekomme ich nicht allzu viel mit von draußen. Mein Essen lass ich mir bringen und Fenster gibt es hier sowieso nicht. Wozu auch, ich hab ein Bett, einen Laptop, einen Fernseher und meinen Lebensunterhalt zahlt port01. In Berlin ist es nicht schwer, unentdeckt zu bleiben, und gleichzeitig ist es einfach, die Stadt zu entdecken. Seit »Berlin Alexanderplatz« von 1931 gab es viele Dokumentarfilme, in denen das »Dicke B« die Hauptrolle innehatte. Und da Michael Ballhaus, Kameramann von »Departed« und »Sleepers«, dies gerade wieder getan hat, kann ich mir die Stadt auch gut auf der Mattscheibe zeigen lassen.
»...wir lieben deinen Duft, wenn wir um die Häuser zieh'n.«
Anhand vieler Geschichten führt uns Ballhaus zusammen mit Ciro Cappellari an der Kamera durch die Bundeshauptstadt. Mal sind diese Episoden bedeutender, mal scheinen sie unbedeutend. Mal geht es um die aktuelle Clubkultur, mal um die lange durchwachsene Geschichte der Stadt. Mal begleitet er Bürgermeister Klaus Wowereit mit Freund, mal eine Schauspielerin und ihr behindertes Kind. Doch ganz gleich ob er den Besitzer eines türkischen Kiosks oder die Band Einstürzende Neubauten zeigt, immer schwingt Melancholie in seinen Bildern. Bei einem solch gewaltigen Vorhaben eine Stadt zu porträtieren ist die Zahl der Möglichkeiten was man filmt unendlich. Somit rückt der Blick des Betrachters, in diesem Fall Ballhaus, umso mehr in den Mittelpunkt. Ballhaus der die letzten Jahrzehnte in Hollywood verbrachte, um dort für Martin Scorsese und Konsorten zu arbeiten, blickt mit Stolz auf seinen vielseitigen Geburtsort. Im einen Moment ist sie Großstadt, im anderen ein Dorf. Mal laut und pulsierend, dann wieder sanft und leise. Mal fremd, mal vertraut, mal konform, aber vor allem rebellisch.
»...im Sommer tust du gut und im Winter tut's weh.«
Keiner kann behaupten Berlin zu kennen. Für jeden der hier lebt, verändert sich die Stadt ständig. Sie pusht dich, sie belebt dich und manchmal macht sie dich fertig. Wenn Berliner über Berlin reden schwingt immer eine liebenswerte Selbstüberschätzung mit, irgendwo zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex. Vielleicht ist es das, was auch Ballhaus fasziniert. Er zeigt Orte, die ich so noch nicht kannte und vielleicht gehe ich nachher mal eine Runde spazieren. Erstmal schauen, was im Fernsehen kommt.
»In Berlin«
Start: 14.05.2009
Länge: 97 Minuten
Regie/Kamera: Michael Ballhaus, Ciro Cappellari
Mit: Frank-Walter Steinmeier, Axel Hacke, Christoph Schlingensief
Hier geht's zur Verlosung von:
3 x 1 Paket »In Berlin« (mit Wörterbuch Berlinerisch, Essbrettchen, Designer-T-Shirt und Cityguide-Kartenspiel)!
Text: Michael Geithner
(Der Geis. Er schmeißt bunte Knicklichter in den Kinosaal und legt uns die richtige Tablette auf die Zelluloidzunge.)