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Goldene Nasen und Orgelmusik – ein Tag wie jeder andere?

Es hätte ein Tag wie jeder andere sein können. Der vergangene 1. September. Obwohl er als Weltfriedenstag natürlich eine besondere Bedeutung hat. Den wenigsten ist dies allerdings bewusst. Und so wirkten die sieben goldenen Nasen, die an diesem Tag mitten im Regensburger Stadtzentrum auf dem Neupfarrplatz zur Schau standen, zunächst wohl eher nur unter künstlerischem Aspekt anziehend. In ihrer glänzenden Erscheinung lockten die überdimensionierten Individualgebilde von allen Seiten neugierige Betrachter an.

Bei näherer Beschau wurde anhand der jeweiligen Beschreibung die weitergehende Bedeutung der Darstellung klar: Den sieben Nasen waren sieben Namen zugeordnet. Die der sieben führenden Unternehmer des deutschen Rüstungsexportgeschäfts. Der Apell nun klar formuliert: Man sollte sich im Sinne einer bundesweiten Kampagne gegen Waffenhandel anhand der künstlerischen Interpretation von Erik Tannhäuser konkret mit dem Thema und den Menschen auseinandersetzen, die ganz oben beim Waffenhandel mitspielen und sich die berühmte goldene Nase verdienen.
 
Begegnung über die Kunst am Ort der Geschichte

Wer nun noch mit etwas Abstand das Geschehen beobachtet, dem fällt auf, dass die Nasen an diesem Tag direkt den nördlichen Abschluss des Dani-Karavan-Denkmals bilden und mithin zugleich im Schutze der Neupfarrkirche stehen. Der israelische Künstler Karavan schuf mit seinem Bodenrelief, das auf die ehemals an dieser Stelle befindliche Synagoge aufmerksam macht, ohnehin eine Begegnungsstätte, an der man sich niederlassen und austauschen können soll.
 
Am selben Abend findet in der evangelischen Kirche nebenan ein offenes Konzert statt: Das Publikum durch alle Altersklassen vertreten. Alle Plätze besetzt, was die Musikliebhaber alter Musik nicht davon abhält, eigene Stehreihen aufzumachen und genauso andächtig den feierlichen Orgelklängen zu lauschen.
Die im hinteren Bereich frei einsehbaren Wände geben mit großformatigen Infotafeln Einblick über das Bauvorhaben und den Sachstand der aktuell am Brixener Hof entstehenden neuen Synagoge. In der evangelische Kirche wird doch tatsächlich darüber informiert, dass noch 1 Million zur Fertigstellung fehlt, weshalb insofern um Spenden gebeten wird. Vor der Tür ein Schild mit der Aufschrift: „Unsere Kirche ist offen – bitte treten Sie ein“. (Sollte das nicht eh normal sein? Einladend dennoch.)

 

„Wie lange läuft denn noch die Mukke?“

Am Ende des Konzertes verlässt eine ältere Dame die Kirche und berichtet einer Bekannten, dass sie auf den Tag genau vor 40 Jahren nach Regensburg gekommen sei, und sie besonders dankbar um dieses Konzert sei, indem sogar ihr Lieblingswerk zur Aufführung kam.
Kurz vorher hatte noch ein jugendlicher Student auf den Stufen der Kirche einen anderen jungen Mann gefragt, ob er denn wisse, wie lange noch die Mukke da drin laufen würde ...
 
Irgendwann später an diesem Abend finden die goldenen Nasen  ihren nächtlichen Ruheplatz in derselben Kirche, als ein dunkelhäutiger junger Mann in voller Trachtenmontur mit seinen europäischen Freunden auf dem Weg zur nächsten Party vorbeizieht.
 
Regensburg zeigt sich an diesem friedvollen Abend als Multikulti-Stadt, die kritische Meinung zulässt und offen für verschiedene Ansichten ist, den Austausch hierin sogar bestärkt und fördert. Dazu war kein Verwaltungsakt nötig, die Menschen taten es einfach an diesem Abend – tolerant und farbenfroh miteinander leben. Auch eine Form von Kunst. Vielleicht die höchste.


News von: _gpi, 25.10.2017

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