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Print vs. Online - weggebloggt und ausgeknockt?

02. Oktober 2011image

Print vs. Online - weggebloggt und ausgeknockt?


»Wir sollen eine Anzeige in einem Printmedium schalten? Das ist doch out – wir setzen jetzt voll auf Social Media Kommunikation.« Solche oder ähnliche Aussagen sind uns bei der Anzeigenakquisition nicht nur einmal entgegengeschlagen. So habe ich mir irgendwann die Frage gestellt, ob der Zenit von Magazinen, Zeitschriften und Stadtmedien überschritten ist und wir vielleicht auf das falsche Pferd setzen. Aber wie war eigentlich die Sache mit den Pferden? Sind sie durch das Automobil verdrängt worden? Nein. Heute leben mehr Pferde in Deutschland als vor dem ersten Weltkrieg. Aber das Pferd bedeutet heute für die Menschen etwas anderes. Damals war es ein Arbeits- und Nutztier, heute gehört es in den Bereich der Freizeit und wird ausschließlich unter Luxusaspekten betrachtet. Vielleicht fallen kostenlos abgegebene Stadtmagazine nicht unter die Rubrik der »Luxusartikel«, zumindest noch nicht, aber sie bieten etwas, wie jedes andere Printmedium ebenfalls, was das Netz nicht kann – Ruhe und Rückzug.

Das Netz ist mittlerweile zu einem Umschlagplatz für Informationsfetischisten mutiert und der Informationsbürger von heute bekommt täglich 250 E-Mails, 50 Newsletter und hat auf Facebook ein paar hundert Freunde. Viele reagieren auf diese Art der Medienvielfalt und Informationsflut mit Panik, sehen selbst im Sommer so weinerlich aus als seien sie durch das Tragen langer Unterhosen gepeinigt. Und dann führen sie dauernd Selbstgespräche, weil sie wissen, dass sie all ihre Passwörter nicht vergessen dürfen. Aber auch der digitale Tag hat nur 24 Stunden. Und wenn der Mensch immer mehr kommuniziert, berührt er ständig seine geistige Kapazitätsgrenze. Deshalb raten Wissenschaftler dazu, das Tempo zu drosseln: Wieder über die Qualität von Zeit zu diskutieren, über Slowfood statt Fastfood, Schreiben mit dem Füllfederhalter, über die Ruhe beim Lesen von Büchern und Printmedien. Nur damit wir uns recht verstehen, die Online-Welt ist nicht schlecht, hat ihre Berechtigung und verbindet Menschen. Sich aber ausschließlich auf sie zu konzentrieren ist eine einseitige Sichtweise, ein quantenoptisches Phänomen: der Tunnelblick. Mittlerweile tauchen heute viele Menschen so tief in die Cyber-Welt ein, dass manche von ihnen Phantomschmerzen empfinden, wenn sie einmal offline sind. Daher möchte ich dafür werben, dass wir nicht nur weiter den virtuellen Optionen weiter auf den Fersen bleiben, sondern auch den klassischen Dialog wieder nutzen müssen – mal wieder ein (gedrucktes) Buch in die Hand nehmen oder für einen Freund mal wieder einen (auf Papier geschriebenen) Brief verfassen. Kurzum: unser Leben etwas zu entschleunigen und uns wieder mehr Zeit und Ruhe zu gönnen. Natürlich ist auch das Printmedium ergänzend zur schnellen Flüchtigkeit der Online-Medien bestens dafür geeignet - vorzugsweise mit guten Geschichten.

Allerdings müssen sich auch die Herausgeber von Printmedien, vor allem die Herausgeber von Stadtmagazinen, selber zu einer inhaltlichen und redaktionellen Disziplin ermahnen. Man muss zwar in einem früheren Leben nicht selber ein Schwein gewesen sein, um über Schnitzel schreiben zu können. Aber man muss in der Lage sein, mit einem Artikel Begeisterung zu entfachen und mit einer Story zu fesseln, die nicht mehr loslässt, bevor sie zu Ende gelesen ist. Denn der Dialog ist eine Inszenierung. Er muss zum Staunen bringen, in Versuchung führen, Interaktionen auslösen, mobilisieren, das schaffen, woran der Leser vorher nicht einmal im Traum gedacht hat. Als Herausgeber und Journalist muss man nachts nicht zwangsweise über die Ostsee flattern oder Berge versetzen können. Aber er muss das können, was wir alle auch von unserem Bäcker um die Ecke erwarten: in seinem Fall nämlich exzellentes Brot backen. Ich denke, wenn die schreibende Zunft das beherzigt, werden auch die Anzeigenkunden eines Tages wieder sagen »Klar schalte ich in einem Printmedium Anzeigen« und die online-affinen Leser gehen auch sicher wieder häufiger offline. Wir von port01 arbeiten auf jeden Fall daran. Print ist nämlich nicht tot, sondern hat nur ein bisschen verschlafen - versprochen! (Grafik: H. Bruhns)

Autor: Hauke Bruhns

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