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Europa nach Europa - von Gurkenschmugglern und Schweinedieben

01. Oktober 2011image

Europa nach Europa - von Gurkenschmugglern und Schweinedieben

Erleben wir gerade das Ende der Europäischen Union? So ganz genau weiß das zurzeit wohl noch keiner. Klar, über die Ursachen und Auswirkungen der Krise haben wir alle in den letzten Monaten viel gelesen. Unser Redakteur Niklas Matthaei ist aber einmal der Frage auf den Grund gegangen, wie ein Europa nach Europa aussehen könnte. Dabei herausgekommen ist dieser kleine fiktive Bericht.

Drei Jahre nachdem die EU unter den Lasten der Finanzkrise zusammen gebrochen ist, herrschen in den ehemaligen Mitgliedsländern Zustände, wie nie zuvor. Unser fiktiver Staat, nennen wir ihn »Wareinmal«, ist ein mittelgroßes Land, das sich zwischen Frankreich, Deutschland und Italien bis hin zum Mittelmeer schlängelt. »Wareinmal« steht exemplarisch für die Lage der Staaten Europas, wie sie sich entwickelt haben, nachdem die Kluft zwischen ewig leistenden und stetig notdürftigen Staaten zu groß geworden, die gemeinsame Politik gescheitert und der Euro als Zahlungsmittel abgesetzt worden war.In »Wareinmal« hat sich nach der Staatspleite eine neue Regierung gebildet und auch eine nationale Währung wurde über Nacht auf den Markt gebracht. Allerdings schreibt das Volk der Regierung die Schuld an der Misere zu und hat das Vertrauen in die Politik gänzlich verloren. Die neue Landeswährung »Müdemark« kann sich kaum als Zahlungsmittel durchsetzen und es werden wieder Waren getauscht. Der florierende Tauschhandel führt dazu, dass Kapitalverbrechen, wie etwa der altbewährte Banküberfall, rückläufig sind, während hingegen Bauern ihre Höfe mit Stacheldraht verkleiden müssen, um Vieh- und Getreidediebe fernzuhalten. Import und Export sind, genau wie der Überseetourismus, längst Schnee von gestern. Es herrscht eine nie da gewesene kulturelle Armut. Gegessen wird, was gerade auf den Feldern wächst. Aufgrund der Ressourcenverknappung erleben alte Trends ihre Renaissance. Flohmärkte und Second-Hand-Geschäfte werden von der Bevölkerung geradezu geplündert; den Nachbarn zu bestehlen, ist längst Gang und Gebe. War man früher stolz das neueste Smartphone sein Eigen zu nennen, trug man nun die Nase hoch, beim Fund einer guten Jacke. Denn was das eigene Land nicht produzierte, gab es schlicht und einfach nicht mehr.

Die kulturelle Armut spaltet die Bevölkerung in zwei Lager. Ein Teil der Bevölkerung steht dem Ausland feindselig und hasserfüllt gegenüber. Diese Gruppe verbreitet Zwietracht und untergräbt die neue Regierung in großem Stil; sie verhilft auch dem Rassismus zu neuer Größe. Mitbürger mit Migrationshintergrund werden bedroht, gejagt und vertrieben und müssen in Ghettos Zuflucht suchen. Alles, was nicht heimischer Herkunft ist, gilt als verpönt. Der andere Teil der Bevölkerung möchte um keinen Preis auf Wohlstand und Fortschritt verzichten. Diese Gruppe, die sich selbst als Kulturrevolutionäre betrachtet, verehrt den ehemaligen europäischen Kulturstandart, lässt den Schwarzmarkt florieren und schreckt auch vor Grenzüberschreitungen und illegalen Urlauben in Nachbarstaaten nicht zurück. Schweinediebe, Gurkenschmuggler, Rassisten und Schwarzhändler: Die Regierung muss handeln und ist bereit auch gewaltsam gegen das eigene Volk vorzugehen. Hierzu wird eine Armee für Innere Sicherheit ins Leben gerufen. Neue Soldaten sind schnell rekrutiert, denn es gibt immer Leute die dem verhassten Nachbarn mal so richtig zeigen wollen was er darf und was nicht. Die Loslösung von Europa scheint der Loslösung von christlichen Werten gleichzukommen. Der Ausstieg aus dem großen Ganzen, scheint eine Lawine von Verantwortungslosigkeit und Einzelkämpfertum losgetreten zu haben. Die Menschheit hat aufgrund des Scheiterns Europas offensichtlich auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeitenverloren. Ein Zusammenarbeiten und ein »an einem Strang ziehen« scheint in weite Ferne gerückt... (Foto: sxc.hu)

Autor: Hauke Bruhns

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