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Liebe Gemeinde,

31. März 2014image

Liebe Gemeinde,

es ist Frühling. So früh wie noch nie. Bayern ist Meister. So schnell wie noch nie. Die Welt lässt sich besser erklären, wenn man Superlative verwenden kann. Herausragendes, das besser, spannender, rührender oder verrückter ist als alles andere bisher, liegt hoch im Kurs.

Jeden Tag lassen wir uns solche Geschichten erzählen, für die wir so empfänglich sind. Der originellste Heiratsantrag im Video, bei dem ein Mann von einem Haus springt. Der witzigste Hochzeits-Walzer, bei dem das Brautpaar Breakdance tanzt. Kurz im Netz weiter gescrollt, rührt uns die emotionale Rettung eines totkranken Straßenhundes. Fix ist eine Online-Petition gegen Tierversuche unterschrieben und auch gleich noch eine gegen einen TV-Moderator. Kurz bevor wir in Tiefsinnigkeit abrutschen und uns mit einem Thema inniger auseinandersetzen, teilt jemand süße Katzenbabys. Ohhh süüüüüß. Katzenbabys.
 
Bei all dem Leuchten in unseren Augen, wenn wir wir solch schöne Dinge teilen (gefühlslos per Mausklick), merken wir nicht, wie belanglos und gefährlich das ist. Denn je mehr wir von diesen tollen Geschichten konsumieren, desto gewöhnlicher erscheint uns die eigene Umgebung.
Keiner kann mithalten mit all dem Scheiß, der tausende bewegt. Deswegen schauen wir immer öfter auf einen Bildschirm. Er ist das Fenster zu mehr Abenteuer. Aber mein Heiratsantrag kann nicht so kurios ausfallen. Mein Kind wird nicht so taleniert sein, wie die in den Videos mit den tausenden Likes. Mein Haustier ist fett. Und die hier im Netz – Ooohhh so süüüüüße Katzenbabys.
 
Man kann zu blöd sein, um freihändig aus dem Bus zu winken. Aber im Netz bekommt man durch bloßes Teilen platter Facebook-Sprüche Anerkennung. Die Währung dafür: Likes.
Doch die echte Welt ist anders. Da fallen den wenigsten originelle Sprüche ein. Die Frauen um einen herum sind nicht so photoshopped wie im Netz. (Es sei denn, man ist bei Hollister einkaufen. Aber dort ist es inzwischen dunkler als im Bergwerk. Katzenbabys würde man hier zertreten.)
Auch Sex funktioniert nicht wie im Internet. Wo die schüchterne, geile Studentin sich spontan zu wildem Sex in ihrem Appartment überreden lässt, wo bereits eine Freundin wartet. Beide ihre Blusen öffnen, die Hosen und … Ohhhh Katzenmuschis! Süüüüß.
 
Im Netz gratulieren einem auch hunderte zum Geburtstag. Welch Glücksgefühl! „Danke, dass ihr alle an mich gedacht habt.“ Gedacht? Man wurde erinnert! Gemahnt. Dringlicher, als es das Finanzamt tut. Schließlich wird einem sogar aufs Brot geschmiert, wie vorbildlich andere gratulieren. Lösch deinen Geburtstag aus dem Profil, und schau, wie viele noch an dich denken. Die meisten sind abgelenkt von … ooohhh, Katzenbabys. Süüüß.
 
All diese wunderbaren Bilder, Geschichten und Videos lassen unsere reale Umgebung unscharf erscheinen. Man muss recht stabil sein, um davon unberührt zu bleiben. Wie wenige das wirklich sind, sieht man an den vielen Selfies, die aussehen, als wäre ein Topmodel darauf. Aufgenommene Bilder können per App sofort digital verschönert werden. Bloß nicht raus mit der unbearbeiteten Wahrheit. Sie hätte es in der digitalen Welt schwer, mitzuhalten. Oder wann habt ihr zuletzt ein unbearbeitetes Foto hochgeladen? Oder gesehen.
 
Wie wäre es mal wieder mit ein bisschen mehr Gewöhnlichkeit. Die Welt lässt sich nicht mit Facebook-Sprüchen und Geschichten erklären. Die haben nix mit dem normalen Leben zu tun, in dem aber jeder von uns sein Glück finden will. Und das geht am besten mit Wertschätzung für ganz gewöhnliche Dinge. Und früher oder später kommen auch da Katzenbabys vor. Süüüüüß.
 
Euer Sebastian / Agent Twist
Mit ganz viel bearbeiteten Fotos auf: www.facebook.de/agent.twist

 

Nachtrag:
Wer einen Fehler macht, und nicht die Chance ergreift, ihn zu korrigieren, macht einen zweiten. Daher nach unzähligen Zuschriften noch ein Wort zur letzten Kolumne: Liebe Veganer, ich wollte euch nicht beleidigen. Der Pfad zwischen Ironie und Beleidigung ist manchmal schmal. Ihr setzt euch bewusst für eine nachhaltige Lebensweise ein, die definitiv niemanden schadet. Das ist nicht zu verurteilen. Doch wie jeden Monat auf dieser Seite gilt: Nicht alles so ernst nehmen.

Autor: Sebastian / Agent Twist

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